27.6. - Zuckerbrot und Peitsche


Unser lieber Skipper nimmt es ja wirklich ganz genau. Gut, wir wollen und sollen alle gute Segler werden, aber uns deshalb die ganze Zeit wie Wurmsperma zu behandeln - eine harte Schule. Und zwar egal bei welcher Angelegenheit. Sei es, dass man beim hart-am-Wind-Kurs nur ein halbes Grad zu weit abfällt oder anluvt ("Auf der Illbruck darf man das auch nicht.") oder ob man im Stadthafen von Sonderburg im Paket festgemacht hat und deshalb nur noch einmal am Tag auf`s Klo gehen darf ("Wir wollen unseren Nachbarn ja nicht dauernd übers Vordeck trampeln!"). Und sei eine Klampe noch so schön belegt oder ein Tauwerk mit  noch soviel Liebe aufgeschossen - der Skipper würgt Dir einen ´rein ("Was ist das für ein Gezummsel?").

So wunderte es natürlich auch an diesem Morgen niemanden, dass wir zu absolut unchristlicher Zeit aufstehen und sowohl Schiff als auch Frühstück klarmachen müssen, während sich unser Herr und Meister schön zur Morgentoilette abgesetzt hat. Neun Uhr ablegen - wir sind soweit, aber der Skipper fehlt. Ha! Jetzt haben wir ihn. Diesmal ist er Schuld. Nur dieses einzige Mal. Alles an Bord wird noch mal überprüft. Er darf jetzt nichts finden, woran er was aussetzen könnte. 9 Uhr 25: Käptn an Bord. Auf Nachfrage, wo er denn bleibe, poltert er sofort los, greift sich den Schwächsten aus der Mannschaft ´raus und macht die arme Sau rund. "Hätt's ja schon ablegen können, um mich vom Klo abzuholen. Ach nee, darfst ja nicht. Hast ja nicht mal ´nen Lappen!" Also, nicht mal kritikfähig, der Gute. Einmal angepfiffen kratzt und beisst er wie ein kleines, dänisches Mädchen.

Das für den heutigen Tag wieder harter Wind und schwere See angesagt ist, passt ihm natürlich herrlich in Kram. Wir wollen es ja angeblich nicht anders. Schon im letzten Jahr, als wir die ganze Segelei seiner Meinung nach zu leicht nahmen, drohte er schon: "Ich werde euch noch wimmern hören: ,Ich will den Hafen'!" Das Motto, das der Skipper für den heutigen Tag bereit hält, lautet so denn: "Heute kriegen wir richtig auf`n Arsch!" Soll heissen, Windstärke 6-7, Welle und Richtung Sonderburg schön gegenankreuzen.  Das kann dauern. Den Leuchtturm können wir schon sehen. Trotzdem prognotiziert der Skipper: "Bis zum Leuchtturm noch vier Stunden. Wenn wir das geschafft habe, gibt`s für jeden eine halbe Flasche Bier." Tatsächlich haben wir reichlich zu tun. Es geht ´rauf und ´runter, hin und her. Das Wellen schlagen über das Vorschiff, wer sich nicht irgendwie im schützenden Cockpit aufhalten kann, hat sich mit seinem Lifebelt doppelt einzuklicken. Klitschnass sind sowieso alle. In den dazugehörigen Schauerböen gibt`s noch mal ´ne Ladung obendrauf.

Gleichzeitig kann uns aber auch nichts entmutigen. Schliesslich geht es nach Sonderburg, unser aller Lieblingshafen. Die malerische Kulisse im Stadthafen und außerdem dieses spektakuläre Nachtleben mit der schon so oft beschriebenen Damenwelt. Die Um- und Beschreibung der letzteren vermag somit die  Stimmung an Bord auch unter diesen widrigen Umständen hochzuhalten. Von Lichtgestalten ist die Rede, von Miniaturhecken, aber auch von skandinavischen Riesenweibern bis hin zu dem umgangssprachlichen Bild der durchgebimsten Kokanutten.

Unter zu Hilfe nahme der Phantasie und der mittlerweile auch schon gediegenen seglerischen Performance kann uns also nichts mehr schrecken. Wir erreichen Sonderburg äußerst entspannt. Leider fällt das obligatorische Pölser-Wettessen dem Ladenschlussgesetz zu Opfer. Wir veranstalten ein köstliches Resteesssen, um anschliessend mal zu gucken, was es denn so heute abend noch zu erleben gibt.