26.6. - Realität und Wirklichkeit


Reisen regt ja bekanntermaßen die Phantasie an. Wünsche entstehen, neue Ziele werden formuliert. Irgendwann mal richtig segeln. Eigenes Schiff haben. Atlantik überqueren. Jeder weiss, dass es bis dahin ein weiter Weg ist, aber heute können wir schon damit anfangen. Schritt für Schritt. Und irgendwann mal....

Gestern konnten schon Engagement und Entschlossenheit unter Beweis gestellt werden. Bis um halb sechs gefeiert inklusive Anschiss vom Hafenmeister, acht Uhr aufgestanden, neun Uhr abgelegt. Die schon etwas ältere Crew auf dem Nachbarschiff, die ob unserer kleinen Bordsfete auch kein Auge zugetan haben dürfte, guckte in der Tat recht sparsam, als sie am Morgen unserer Performance gewahr wurde.

Derart erfolgsverwöhnt fühlen wir uns zu Höherem berufen. Für heute ist der ganz große Schlag angesagt. Der Skipper mahnt zwar wegen der nicht ganz unkritischen Wetterlage zu Zurückhaltung, aber uns kann jetzt nichts mehr aufhalten. Einmal querrüber über die Ostsee. Sieben Windstärken - lächerlich. Nach Bargenkop soll`s gehen, da wo letztes Jahr unter unerklärlichen Umständen morgens um halb fünf der sündhaft teure High-Tech-Grill von B.I.G.s Vater ins Hafenbecken fiel. Wenn wir nun von Kiel dorthin segeln, kann die IPC ihren eigenen Long-Distance-Rekord übertreffen, die restlichen 20 Schinkengriller verwursten, den 6 Euro 90-Landmann-Grill ebenfalls vom Steg treten und das erste Unterwasser-Barbecue-Museum Dänemarks eröffnen. Das ist der Stoff, aus dem Legenden geboren werden.

Alles klar! So fahren wir ab. "Acht Uhr aufstehen und unter vollen Segeln ablegen." Euphorie und Stolz klingen in Saturnos Stimme mit, als er den Plan am Vorabend so pragmatisch manifestiert. Die ersten Crewmitglieder kriechen dann tatsächlich schon um viertel vor elf aus ihren Kojen. "Mal Wetterbericht hören. Kommt um 10 Uhr 58", wimmert ein zerknautschter Saturno, als er das Deck irgendwie auch innerlich leidend erklimmt. Zu spät. Wir haben's schon zehn nach elf. Mmmhhh....

Naja. Macht ja nichts. Kümmern wir uns erstmal um die wichtigen Dinge. Einen Bäcker gibt's auf der Promenade der Kieler Woche natürlich nicht. Dafür ist selbige aber auch schon wieder im vollen Gang. Da bieten sich Erwerb und Verköstigung von 1a-Fischbrötchen zum Frühstück doch gerade zu an.



Bei der Gelegenheit kann gleich der Nachschub logistisch durchorganisiert werden. Drei Kisten Astra und sechs Paletten Jever/Becks sind irgendwie alle. Neues Bier muss ausgefasst werden. Bei der anschliessenden Beladung der Mimose II mit dem wertvollen Stoff gehen vier Halbliterdosen Holsten Pilsener aussenbords. Verdammt. Sowas darf einfach nicht passieren. Der Schuldige ist schnell ausgemacht: "Billa! Badebuchs an! Klar bei Tauchretter!" "Aber das Wasser ist doch kalt und schmutzig. Ich trink auch vier Bier weniger heute zum Kaffee." "Los jetzt. Rein da!"

Mittlerweile hat der Kieler Mob die Szenerie auch genauestens mitgeschnitten und verfolgt gespannt die nun anlaufende Rettungsaktion. Das Wasser ist eisig und presst dem Akteur die Lunge zu, doch es gelingt gleich beim ersten Tauchgang den ganzen Schatz auf Anhieb an die Wasseroberfläche zu befördern. Eine respektable Leistung. Schade nur, dass der arme Billa sich seinen rechten Fuss an Scherben oder Schrott beim Abdrücken vom Hafenbeckenboden aufschneidet. Und irgendwie auch schade, dass bei der eigentlichen Bergung dann auch doch noch mal zwei Dosen wieder ´reinfallen. Aber egal jetzt. Die Schuld ist gesühnt. Die Partycrowd erlebte einen amtlichen IPC-Auftritt. Und alle Mann an Bord jetzt. Irgendwann wollen wir denn auch mal los.



Gesegelt wird dann also auch. Kieler Förde ´raus und über den berüchtigten Stollergrund. Dort wurde bislang noch jeder seekrank, nicht so die Besatzung unseres Schiffes. Die Gefahrentonne Ausgang Stollergrund passieren wir angeblich dreimal am heutigen Tag. Ansonsten ist aber an der Navigation und der gesamten Besegelung nichts auszusetzen. Nur spät ist es geworden. Man kam dann doch nicht so pünktlich los heute morgen. Das angestebte Pensum war auch einfach nicht zu schaffen. So laufen wir wieder Damp an. Ein Hafen voller Erinnerungen und einem herrlichen Strand für unsere Schinkenbegrillung. Wieder alles richtig gemacht.

Die Schilderung der dazugehörigen Nacht unterliegt einer gewissen Interaktivität. Die geringe Anzahl an Gästebucheinträgen in diesen Tagen veranlasst die IPC zu einer Art Warnstreik. Gerade die Hood aus Norwegen oder Winkel sollte sich dringend ihrer Verantwortung bewusst werden, sonst müssen einfach die unbequemen Wahrheiten dieses schonungslosen Tatsachenberichts unter Verschluss bleiben. Also bitte...