8.10 Uhr: Hektische Betriebsamkeit auf der Anemone II. Doch der Skipper ist
missgestimmt und gibt sich ungnädig: "9 Uhr ablegen klappt ja wohl
nicht mehr. Damit greift Plan B. Ablegen erst nach der Fussballübertragung um
15.15 Uhr. So!" Das darf natürlich nicht wahr sein. In konzertierter
Aktion wird aufgeklart, durchgepützt, Kartenmaterial studiert, Brötchen
geholt, geschmiert und sogar Kaffee gekocht. Alles auf Kosten der Privatzeit.
Nur der Skipper gönnt sich eine Dusche. Irgendwann wird sich die Mannschaft für
diese Schikanen grausam rächen. Dann gnade ihm Gott.
Wir laufen also fast pünktlich aus. Beste Stimmung. Bestes Wetter. Kaffee und Käsebemmen
gibt's unter vollen Segeln. Die Fahrt verläuft zunächst ohne Schwierigkeiten.
Wir nähern uns dann der Kieler Bucht. Am Horizont tauchen eine Milliarde kleine
und größere Segel auf. Kieler Woche. Hier ´ne Regatta , da ein Rennen. Wir
durchqueren zwei oder drei Regattafelder, so genau lässt sich das alles nicht
auseinanderhalten. Auch die normale Gefahrenbetonnung ist in dem Getümmel kaum
mehr auszumachen. Ein paar mal ist es wirklich knapp. Katamarane pfeifen auf
einer Kufe an uns vorbei. Einhand-Jollen-Segler müssen in letzter Sekunde
abdrehen, weil wir Vorfahrt haben. Einem ganzen Regattafeld in 20er Reihe
entwischen wir gerade noch. Die IPC wieder mal mittenmang. Es ist eine Pracht.

Dann Einfahrt in die Kieler Förde. Die Fahrrinne ist übervölkert mit
Wasserfahrzeugen jeglicher Art. Der Wind kommt von Südwest. Wir kreuzen also
das Fahrwasser über die volle Breite. Die Manöver müssen nun sitzen. Wer
bislang segeln langweilig fand, wird nun eines besseren belehrt. Alle halten
konzentriert Ausschau. "Skipper, schwuler Motorsegler an Backbord."
"Skipper, Wikingerboot voraus!" "Skipper, siehst Du den fetten
Schlepper querab?" "Skipper, Zerstörer auf Kollisionskurs." Dazu
kommen noch die standesgemäßen Kommentare zur Belustigung: "Das ist
Thomsen!", "Rohr eins bis sechs bewässern. Wir setzen einen Fächerschuss.",
"Ist das hier das Schlepperbalett?", "Den nehmen wir volley!".
Der Skipper ist nur noch ein einziges Nervenbündel. Sehr gut.
Irgendwann ist es geschafft. Wir sind nicht versenkt worden. Not yet! Alle sind
sich einig, dass eine Durchkajolung der Kieler Förde zur Tequila Woche zu einer
der IPC-Großtaten gezählt werden muss. Zur Belohnung gibt's einen Liegeplatz
an der Kiel-Linie genau vorm RSH-Zelt. Wir sind mitten im Zentrum der Störung.
Anlegemanöver um 13.15 Uhr. Pünktlich zum WM-Halbfinale zur Stelle. Ein Traum.

Danach die langersehnte, ganz fette Nummer. Die IPC liegt in entspannter
Schonhaltung wahlweise mit Kaffee-Becher oder Bierflasche in der Hand an
beliebiger Stelle auf dem Schiffsdeck in der Sonne, beobachtet, wie der Mob sich
direkt vor uns auf der Pier langschiebt. Endlich mal auf der richtigen Seite!
Das sehen offensichtlich manche weiblichen Kiel-Touristen genauso. Sehnsüchtige
Blicke prallen natürlich an uns ab - kurzzeitig entstehen Starallüren.
Der Abend gestaltet sich denkbar einfach. Wir lungern auf unserem Boot herum, während
sich direkt davor die Partystimmung immer mehr verdichtet. Mannfred mann's
Earthquake (wahrscheinlich "Speed of Sound Tour 2002") liefert die
akustische Untermalung, argentinische Dönerstände in unmittelbarer Reichweite
sorgen für's leibliche Wohl. Von Zeit zu Zeit lassen wir uns sogar auf die
Piermauer herab, um das ein oder andere Gespräch mit Party-Hecken der
Galaxy-Class entgegenzunehmen. Doch wie immer steckt die Tücke im Detail. Während
die IPC sich also von Glamour und Reizüberflutung blenden lässt, wird völlig
vergessen, den ganzen Verheissugen Taten folgen zu lassen. Hiess es am
Nachmittag noch: "Heute kommt es nicht drauf an ob, sondern wie oft",
stehen am Ende alle mit leeren Händen da. Um Mitternacht ist die Party zu Ende.
Kurz darauf niemand mehr da. Gute Nacht, IPC.