25.6. - Tequila Woche


8.10 Uhr: Hektische Betriebsamkeit auf der Anemone II. Doch der Skipper ist missgestimmt und gibt sich ungnädig: "9  Uhr ablegen klappt ja wohl nicht mehr. Damit greift Plan B. Ablegen erst nach der Fussballübertragung um 15.15 Uhr. So!" Das darf natürlich nicht wahr sein. In konzertierter Aktion wird aufgeklart, durchgepützt, Kartenmaterial studiert, Brötchen geholt, geschmiert und sogar Kaffee gekocht. Alles auf Kosten der Privatzeit. Nur der Skipper gönnt sich eine Dusche. Irgendwann wird sich die Mannschaft für diese Schikanen grausam rächen. Dann gnade ihm Gott.

Wir laufen also fast pünktlich aus. Beste Stimmung. Bestes Wetter. Kaffee und Käsebemmen gibt's unter vollen Segeln. Die Fahrt verläuft zunächst ohne Schwierigkeiten. Wir nähern uns dann der Kieler Bucht. Am Horizont tauchen eine Milliarde kleine und größere Segel auf. Kieler Woche. Hier ´ne Regatta , da ein Rennen. Wir durchqueren zwei oder drei Regattafelder, so genau lässt sich das alles nicht auseinanderhalten. Auch die normale Gefahrenbetonnung ist in dem Getümmel kaum mehr auszumachen. Ein paar mal ist es wirklich knapp. Katamarane pfeifen auf einer Kufe an uns vorbei. Einhand-Jollen-Segler müssen in letzter Sekunde abdrehen, weil wir Vorfahrt haben. Einem ganzen Regattafeld in 20er Reihe entwischen wir gerade noch. Die IPC wieder mal mittenmang. Es ist eine Pracht.



Dann Einfahrt in die Kieler Förde. Die Fahrrinne ist übervölkert mit Wasserfahrzeugen jeglicher Art. Der Wind kommt von Südwest. Wir kreuzen also das Fahrwasser über die volle Breite. Die Manöver müssen nun sitzen. Wer bislang segeln langweilig fand, wird nun eines besseren belehrt. Alle halten konzentriert Ausschau. "Skipper, schwuler Motorsegler an Backbord." "Skipper, Wikingerboot voraus!" "Skipper, siehst Du den fetten Schlepper querab?" "Skipper, Zerstörer auf Kollisionskurs." Dazu kommen noch die standesgemäßen Kommentare zur Belustigung: "Das ist Thomsen!", "Rohr eins bis sechs bewässern. Wir setzen einen Fächerschuss.", "Ist das hier das Schlepperbalett?", "Den nehmen wir volley!". Der Skipper ist nur noch ein einziges Nervenbündel. Sehr gut.

Irgendwann ist es geschafft. Wir sind nicht versenkt worden. Not yet! Alle sind sich einig, dass eine Durchkajolung der Kieler Förde zur Tequila Woche zu einer der IPC-Großtaten gezählt werden muss. Zur Belohnung gibt's einen Liegeplatz an der Kiel-Linie genau vorm RSH-Zelt. Wir sind mitten im Zentrum der Störung. Anlegemanöver um 13.15 Uhr. Pünktlich zum WM-Halbfinale zur Stelle. Ein Traum.



Danach die langersehnte, ganz fette Nummer. Die IPC liegt in entspannter Schonhaltung wahlweise mit Kaffee-Becher oder Bierflasche in der Hand an beliebiger Stelle auf dem Schiffsdeck in der Sonne, beobachtet, wie der Mob sich direkt vor uns auf der Pier langschiebt. Endlich mal auf der richtigen Seite! Das sehen offensichtlich manche weiblichen Kiel-Touristen genauso. Sehnsüchtige Blicke prallen natürlich an uns ab - kurzzeitig entstehen Starallüren.

Der Abend gestaltet sich denkbar einfach. Wir lungern auf unserem Boot herum, während sich direkt davor die Partystimmung immer mehr verdichtet. Mannfred mann's Earthquake (wahrscheinlich "Speed of Sound Tour 2002") liefert die akustische Untermalung, argentinische Dönerstände in unmittelbarer Reichweite sorgen für's leibliche Wohl. Von Zeit zu Zeit lassen wir uns sogar auf die Piermauer herab, um das ein oder andere Gespräch mit Party-Hecken der Galaxy-Class entgegenzunehmen. Doch wie immer steckt die Tücke im Detail. Während die IPC sich also von Glamour und Reizüberflutung blenden lässt, wird völlig vergessen, den ganzen Verheissugen Taten folgen zu lassen. Hiess es am Nachmittag noch: "Heute kommt es nicht drauf an ob, sondern wie oft", stehen am Ende alle mit leeren Händen da. Um Mitternacht ist die Party zu Ende. Kurz darauf niemand mehr da. Gute Nacht, IPC.