Der Wetterbericht
verspricht fünf bis sechs Windstärken, abnehmend aus westlicher Richtung. Wir
wollen dringend nach Kiel. Dort zur gleichnamigen Woche. Unsere lieben Kollegen
von der Illbruck treffen, dem Mob über die Schulter spucken, mal die Seele
baumeln lassen.
Aber schon nach wenigen Metern ist allen Beteiligten klar, dass es heute eine stürmische
Angelegenheit werden wird. Sicherheitsfanatiker B.I.G. muss als erstes aus
dem schützenden Cockpit ´raus, benützt dabei aber konsequent
Automatikschwimmweste und Lifebelt. Reff zwei muss gesetzt werden. Das bereitet
ihm und dem zu Hilfe eilenden Billa große Schwierigkeiten. "Die ganze
Scheisse ist total verfuddelt!"

Die vom Ruderstand rübergebrüllten Kommandos vom Skipper sind kaum zu
verstehen. Irgendwie gelingt's dann doch. Als nächstes Missverständnis beim
Fock-Reffen. Kann mal passieren. Situation durch schlaues Doppelbewinschen
hervorragend gelöst. Danach aber zwei Schrecksekunden kurz hintereinander. Die
schwarzgelbe Gefahrentonne, die laut GPS-Navigation mindestens eine halbe
Seemeile entfernt sein soll, taucht in ca. 40m Entfernung steuerbord voraus auf.
"Backbord vorbei!", die Antwort von Navigator Billa, der
beteuert, sich nicht vermessen zu haben. "Das schaff ich vielleicht nicht
mehr!", schreit der Skipper. "Klar zur Wende." Geschaftt. Das war
knapp. Nur ein Manöver später passiert's: Beim Dichtholen unter Mörderkrängung
springt die Winschkurbel aus der Winsch, poltert über Bord. Kurzes Innehalten
von allen - der Supergau. "Sofort Ersatzkurbel ´raus.", brüllt der
Skipper, und: "Wenn die auch über Bord fällt, sind wir manöverierunfähig,
derjenige, der das verbockt haftet mit seinem Leben." Mittlerweile
Monsterhack auf der Ostsee. Füller kriegt die letzte Winschkurbel ans
Handgelenk geknotet. Der Ernst der Lage ist jedem bewusst. Aus fünf bis sechs
abnehmend sind stramme sieben Windstärken geworden. Die Segel sind nicht vernünftig
zu trimmen. Das Boot macht kurzzeitig was es will. Beratschlagung. Ausweichhafen
Galtinger Mole. Auf 150° abfallen. Landabdeckung suchen. Fock einholen.
Geht nicht ganz. B.I.G. und Füller kurbeln mit allem was sie an Muskelkraft
aufzubieten haben. Irgendwo klemmt's. Mörderzing auf der Schot. Die Curryklemme
springt mit einem Knall ein Stück aus der Verankerung. Die technische Ausrüstung
der Fimose II ist in einem jämmerlichen Zustand. Reff, Rollfock, Winschkurbeln.
Nichts passt hier zueinander. Und auf das GPS kann man sich anscheinend auch
nicht 100%ig verlassen. Die IPC hat auf einem 1a-Seelenverkäufer angeheuert.
Ganz geil. Dementsprechend ungeniert verhält man sich an Deck. Wurde auf der
Lulu2 noch mindestens einmal am Tag die Plicht durchgepützt, schert sich hier
kein Mensch um hygienische Belange. Es wird verschüttet und vollgeascht. Auch
eine Bekotzung des Vorschiffs wird in Erwähnung gezogen. Aufgrund seiner
Aufgaben unter Deck während der Fahrt, wird Billa dafür heute auch schon
kurzzeitig etwas chichi. Es kommt aber nicht zum äußersten. Dagegen wird's
beim Anlegemnöver noch mal spannnend. Es bläst gewaltig. Eine freie Box ist
gefunden. Jetzt muss man nur noch ´reinkommen. Das geht mit etwas Schwung am
besten. Die GibSea 372 braucht nun mal diese Speed. Bei der letzten Kurve
rutschen wir etwas ab, streifen den Holzpoller auf voller Länge und rammen das
Nachbarboote auf der anderen Seite. Unser Anker knickt seine Reeling etwas weg.
Dagegen erleidet unser blödes Drecksboot leider keinen Schaden.
Anlegeschluck, Bestandsaufnahme, Reste vom Blitzgulasch, Mittagsstunde. Wir sind
im amtlichen Langweilerhafen gelandet. Auch noch auf deutscher Seite. Keine dänischen
Lichtgestalt sein Lieblingslied en, dafür dreistelliges Durchschnittsalter. Der
doofe Seglerbedarf mit dem lustigen Namen "Die Backskiste" hat keine
Winschkurbel, dafür Segelschlümpfe und Messing-Geschirrhandtuch-Haken. Spitze.
Wetterbericht für morgen: Windstärke sechs bis sieben. Wir werden uns was
einfallen lassen müssen.

Mangels Party-Scene sind wir uns also selbst genug. Wir veranstalten ein
opulentes Barbecue mit 20 leckeren Schinkengrillern und phantastischen
Bruschetta. Morgen hat der Skipper Geburtstag. Zur standesgemäßen Reinfeierung
werden komische Kuchen angeschnitten und amerikanischer Wodka nach englischer
Rezeptur aus italienischer Abfüllung wird in solchen Mengen verköstigt, dass
der Anlegeschluck nach nur zwei Tagen zur Hälfte ausgetrunken ist. Bei bester
Stimmung wird die Havarie des Nachmittags noch mal detailliert nachgespielt,
bevor der Skipper als DJ mit leichter Schlagseite uns zur Gute Nacht sein
Lieblingslied sechsmal in voller Lautstärke vorspielt.