23.6. - Sturmfahrt

Der Wetterbericht verspricht fünf bis sechs Windstärken, abnehmend aus westlicher Richtung. Wir wollen dringend nach Kiel. Dort zur gleichnamigen Woche. Unsere lieben Kollegen von der Illbruck treffen, dem Mob über die Schulter spucken, mal die Seele baumeln lassen.

Aber schon nach wenigen Metern ist allen Beteiligten klar, dass es heute eine stürmische Angelegenheit werden wird. Sicherheitsfanatiker B.I.G. muss als erstes  aus dem schützenden Cockpit ´raus, benützt dabei aber konsequent Automatikschwimmweste und Lifebelt. Reff zwei muss gesetzt werden. Das bereitet ihm und dem zu Hilfe eilenden Billa große Schwierigkeiten. "Die ganze Scheisse ist total verfuddelt!"



Die vom Ruderstand rübergebrüllten Kommandos vom Skipper sind kaum zu verstehen. Irgendwie gelingt's dann doch. Als nächstes Missverständnis beim Fock-Reffen. Kann mal passieren. Situation durch schlaues Doppelbewinschen hervorragend gelöst. Danach aber zwei Schrecksekunden kurz hintereinander. Die schwarzgelbe Gefahrentonne, die laut GPS-Navigation mindestens eine halbe Seemeile entfernt sein soll, taucht in ca. 40m Entfernung steuerbord voraus auf. "Backbord vorbei!",  die Antwort von Navigator  Billa, der beteuert, sich nicht vermessen zu haben. "Das schaff ich vielleicht nicht mehr!", schreit der Skipper. "Klar zur Wende." Geschaftt. Das war knapp. Nur ein Manöver später passiert's: Beim Dichtholen unter Mörderkrängung springt die Winschkurbel aus der Winsch, poltert über Bord. Kurzes Innehalten von allen - der Supergau. "Sofort Ersatzkurbel ´raus.", brüllt der Skipper, und: "Wenn die auch über Bord fällt, sind wir manöverierunfähig, derjenige, der das verbockt haftet mit seinem Leben." Mittlerweile Monsterhack auf der Ostsee. Füller kriegt die letzte Winschkurbel ans Handgelenk geknotet. Der Ernst der Lage ist jedem bewusst. Aus fünf bis sechs abnehmend sind stramme sieben Windstärken geworden. Die Segel sind nicht vernünftig zu trimmen. Das Boot macht kurzzeitig was es will. Beratschlagung. Ausweichhafen Galtinger Mole. Auf 150° abfallen. Landabdeckung suchen.  Fock einholen. Geht nicht ganz. B.I.G. und Füller kurbeln mit allem was sie an Muskelkraft aufzubieten haben. Irgendwo klemmt's. Mörderzing auf der Schot. Die Curryklemme springt mit einem Knall ein Stück aus der Verankerung. Die technische Ausrüstung der Fimose II ist in einem jämmerlichen Zustand. Reff, Rollfock, Winschkurbeln. Nichts passt hier zueinander. Und auf das GPS kann man sich anscheinend auch nicht 100%ig verlassen. Die IPC hat auf einem 1a-Seelenverkäufer angeheuert. Ganz geil. Dementsprechend ungeniert verhält man sich an Deck. Wurde auf der Lulu2 noch mindestens einmal am Tag die Plicht durchgepützt, schert sich hier kein Mensch um hygienische Belange. Es wird verschüttet und vollgeascht. Auch eine Bekotzung des Vorschiffs wird in Erwähnung gezogen. Aufgrund seiner Aufgaben unter Deck während der Fahrt, wird Billa dafür heute auch schon kurzzeitig etwas chichi. Es kommt aber nicht zum äußersten. Dagegen wird's beim Anlegemnöver noch mal spannnend. Es bläst gewaltig. Eine freie Box ist gefunden. Jetzt muss man nur noch ´reinkommen. Das geht mit etwas Schwung am besten. Die GibSea 372 braucht nun mal diese Speed. Bei der letzten Kurve rutschen wir etwas ab, streifen den Holzpoller auf voller Länge und rammen das Nachbarboote auf der anderen Seite. Unser Anker knickt seine Reeling etwas weg. Dagegen erleidet unser blödes Drecksboot leider keinen Schaden.

Anlegeschluck, Bestandsaufnahme, Reste vom Blitzgulasch, Mittagsstunde. Wir sind im amtlichen Langweilerhafen gelandet. Auch noch auf deutscher Seite. Keine dänischen Lichtgestalt sein Lieblingslied en, dafür dreistelliges Durchschnittsalter. Der doofe Seglerbedarf mit dem lustigen Namen "Die Backskiste" hat keine Winschkurbel, dafür Segelschlümpfe und Messing-Geschirrhandtuch-Haken. Spitze.  Wetterbericht für morgen: Windstärke sechs bis sieben. Wir werden uns was einfallen lassen müssen.


Mangels Party-Scene sind wir uns also selbst genug. Wir veranstalten ein opulentes Barbecue mit 20 leckeren Schinkengrillern und phantastischen Bruschetta. Morgen hat der Skipper Geburtstag. Zur standesgemäßen Reinfeierung werden komische Kuchen angeschnitten und amerikanischer Wodka nach englischer Rezeptur aus italienischer Abfüllung wird in solchen Mengen verköstigt, dass der Anlegeschluck nach nur zwei Tagen zur Hälfte ausgetrunken ist. Bei bester Stimmung wird die Havarie des Nachmittags noch mal detailliert nachgespielt, bevor der Skipper als DJ mit leichter Schlagseite uns zur Gute Nacht sein Lieblingslied sechsmal in voller Lautstärke vorspielt.